Im Rahmen der Initiative „100 Projekte Raus aus Gas“ wurden am Dienstag, dem 10. Februar 2026, im Rahmen einer Veranstaltung im das forum zwei aktuelle technische Studien zur Dekarbonisierung von Bestandsgebäuden vorgestellt.
Studie „Energiepotenziale aus Umgebungswärme nutzen“
Worum geht es?
Die technische Studie zeigt, wie Umgebungswärmequellen/ -senken und Abwärme (u. a. Erdwärmesonden, Luft, Abwasser, Grauwasser, Abluft) zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung im mehrgeschoßigen Bestandswohnbau genutzt werden können – speziell bei beengten Platzverhältnissen. Besonderes Augenmerk wird auf die Erschließung von Erdwärme bei vorhandenen Tiefgaragen gelegt.
Zentrale Fragen, die die Studie beantwortet
- Welche unkonventionellen Quellen (z. B. Tiefgarage/Keller, Dach, Abluft, Kanal) eignen sich in dichten Stadtlagen als Wärmepumpenquelle – und unter welchen Rahmenbedingungen?
- Wie weit kann Geothermie (Erdwärmesonden/EWS) in typischen Bestandsobjekten den Heizwärmebedarf decken – technisch und „realistisch“ nach verfügbarer Fläche?
- Welche Maßnahmen erhöhen die Machbarkeit in engen Innenhöfen (Zufahrt, Bohrflächen, Nutzung öffentlicher Flächen, Kooperation mit Nachbarliegenschaften)?
- Welche Quellen sidn typischerweise am attraktivsten und wofür eignen sie sich (Grundlast, Ergänzung, Regeneration)?
Wichtigste Erkenntnisse (kompakt)
- EWS sind auch mit Tiefgaragen möglich (Kernbohrung durch Decke) – entscheidend sind Zufahrt/Platz und die Regeneration des Sondenfelds.
- Thermische Regeneration der EWS ist zentral, gerade bei knappen Flächen: Sie verbessert die Effizienz und kann die nötige Bohranzahl senken.
- In den drei Test-Cases zeigte sich: Je nach Flächenverfügbarkeit können EWS den Heizwärmebedarf (ohne Warmwasser) etwa zu ~54 % / ~79 % / ~97 % abdecken (Kaiserstraße 68 / Degengasse 68 / Kranzgasse 5). Bei Kranzgasse 5 wären mit tieferen Bohrungen (150 m) 100 % möglich.
- Hybride/multivalente Systeme (Kombination mehrerer Quellen) gewinnen aufgrund des Platzmangels an Bedeutung.
- Liegenschaftsübergreifende Planung kann eine erneuerbare Lösungsvariante ermöglichen.
- Hüllqualität wirkt stark: Thermische Sanierung senkt Lasten und erleichtert die Deckung über Umgebungswärme deutlich.
- Priorisierung typischer Abwärme-Optionen (nach Attraktivität): 1) Kanalwärme (Abwasser), 2) gewerbliche Abwärme/Technikräume, 3) Grauwasser, 4) Asphaltkollektor, 5) Küchen-/WC-Abluft, 6) Kellerlüftung.
- Wirtschaftlichkeit: In engen Bestandsgebäuden sind Kosten pro kW/MWh häufig 20–40 % höher als bei „geräumigen“ Bedingungen.
Studie „Vermeidung von Lock-In-Effekten“
Worum geht es?
Die Studie adressiert das Risiko, dass wohnungsweise Dekarbonisierungsmaßnahmen (z. B. nach dem Ausfall einer Gastherme oder bei Sanierungs-/Kühlwünschen) spätere zentrale erneuerbare Lösungen auf Gebäudeebene erschweren oder verhindern („Lock-In-Effekt“).
Zentrale Fragen, die die Studie beantwortet
- Wann und mit welchen Begleitmaßnahmen sind wohnungsweise Dekarbonisierungsmaßnahmen sinnvoll – und wann führen sie in ein Lock-In?
- Wie entscheidet man strukturiert entlang Technik, Organisation und Zeithorizont, um Zwischenlösungen ohne Sackgasse umzusetzen (Entscheidungslogik/ -baum)?
- Welche Do’s & Don’ts helfen, bei wohnungsweisen Maßnahmen Anschlussfähigkeit an spätere Zentralisierung sicherzustellen?
Wichtigste Erkenntnisse (kompakt)
- Technische Lösungen für wohnungsweise Dekarbonisierung für kurz- bis langfristige Handlungsbedarfe sind vorhanden, bedürfen jedoch häufig der Zustimmung aller anderen Miteigentümer*innen.
- Gebäudeweite Dekarbonisierung ist effizienter als wohnungsweise Dekarbonisierung.
- Klare Empfehlung für:
- Wohnungsweise Ausrollung zentraler Systeme
- Vorbereitende Maßnahmen in Wohnungen für späteren Anschluss an gebäudeweite Lösung
- Wohnungsweise Dekarbonisierung soll nur als befristete Zwischenlösung entlang der folgenden 3 Leitprinzipien umgesetzt werden:
- Niedertemperaturfähigkeit bei 55°C ist zentral für einen effizienten (gebäudeweiten) Betrieb.
- „Verteilinfrastruktur zuerst“, d. h., frühzeitige Sicherung und Ertüchtigung von Steigleitungen, Schächten, Kaminen, Übergabepunkten etc.
- Reversibilität und Schnittstellenoffenheit befristeter Zwischenlösungen, einschließlich dokumentierter Rückbaupfade.
- Typische Lock-In-Barrieren sind u. a. Schallschutz (Innenhof), fehlende Aufstell-/Leitungsflächen, Schutzzonen/Denkmalschutz, Brandschutz und fehlende elektrische Erschließung.
Die Studienpräsentation können Sie hier nachhören bzw. nachlesen:
Die präsentierten Unterlagen finden Sie hier:
Weiterführende Informationen:
Die Studienberichte finden Sie hier (die Studie „Vermeidung von Lock-in-Effekten“ folgt Anfang März): Broschüren und Studien zur Initiative „Raus aus Gas“ – Stadt Wien
Nachlese: Tiefenbohrungen im öffentlichen Raum – Beratungsservice Erneuerbare Energie
„100 Projekte Raus aus Gas” ist eine Initiative der Stadt Wien – Energieplanung, die von der Klima- und Innovationsagentur Wien begleitet und unterstützt wird.
